Die Nahrung von Wildschweinen – als Omnivore fressen sie fast alles

Nahrungsspektrum & Ernährung. Was fressen Wildschweine?

Nahrungs von WildschweinenWildschweine sind Allesfresser, was für die Art ein großer Vorteil in einer sich schnell ändernden Umwelt ist. Abgesehen von Bucheckern und Eicheln die sie sehr gern fressen sowie Mais etc., finden sie den überwiegenden Teil ihrer Nahrung im Boden. Magenanalysen zeigen, dass pflanzliche Bestandteile die Basis ihrer Ernährung darstellen. Gefressen werden Wurzeln und Rhizome, Gräser, Knollen, Früchte, Obst, Pilze aber auch Insektenlarven, Reptilien Mäuse und andere Tiere, aber auch Aas (im Frühjahr z. B. gelegentlich Kitze). Die Antwort auf die Frage „Was fressen Wildschweine“ ist: nahezu alles. Bei gutem Nahrungsangebot kann eine Wildschweinpopulation schnell wachsen.

Eine besondere Rolle spielt für die omnivoren Wildschweine die Baummast: Eicheln, Bucheckern und gelegentlich auch Maronen. In Mastjahren enthalten die Mägen fast ausnahmslos Mastfrüchte. Da diese besonders energiereich sind, ermöglichen sie den Wildschweinen einen Speckansatz für den Winter.(s. a. Gärtner 2015, Linderoth 2010, Elliger 2009).

Eine weitere Sonderstellung im Nahrungsspektrum der Wildschweine sind die unterirdisch fruktifizierenden Hirschtrüffel, die offenbar wegen der Pheromone besonders häufig gesucht werden. Ihre Aufnahme verursacht in einigen, durch den Tschernobyl-Fallout besonders betroffenen Gebieten in Deutschland maßgeblich die erhöhte radioaktiven Kontamination (Cäsium-137) von Wildschweinen.

Mageninhaltsanalysen von Wildschweinen

Im Rahmen des BfS Forschungsvorhabens  “Untersuchungen zum Verhalten von Radiocäsium in Wildschweinen und anderen Biomedien des Waldes” wurde von Umweltanalysen unter anderem das Nahrungsspektrum von Wildschweinen anhand von Mageninhaltsanalysen bestimmt.

Methode: Entnahme und Aufbereitung der Wildschweinmägen

Wildschwein Magenanalyse: zur Untersuchung geöffneter Wildschweinmagen
Abb. 1: Für eine Analyse zum Nahrungsspektrum geöffneter Magen eines Wildschweins. Der Mageninhalt besteht weitestgehend aus pflanzlichen Bestandteilen

Die Mägen wurden von in den Untersuchungsgebieten erlegten Wildschweinen von Mitarbeitern der Forstdienststellen vollständig entnommen. Die Wildschweinmägen wurden an ihren Ausgängen mit einem Band verschlossen und dann tiefgefroren.

Für die Untersuchungen wurden die aufgetauten Mägen auf dem Labortisch geöffnet und entleert (Abbildung 1). Nahrungsreste, die an den Mageninnenwänden anhafteten wurden abgelöst, ohne dabei Epithelien der Magenwand abzuschaben. Der Inhalt des Magens wurde gewogen. Um die einzelnen Nahrungsbestandteile des Magenbreies zu ermitteln, wurde wie folgt vorgegangen.

Um die Einzelbestandteile des Mageninhalts zu bestimmen, wurde nach dem folgenden Schema verfahren (Abbildung 2). Zunächst wurden grobe Bestandteile aus dem Mageninhalt herausgesucht und zur späteren Bestimmung, zur Stichprobe III vereinigt. In den Wildschweinmägen sind häufig noch Teile von Nahrungskomponenten wie Blätter, Gräser und Farnrhizome, sowie Bruchstücke von Pilzen enthalten, die die Bestimmung vereinfachen.

 

 

Methodik der Analyse von Mageninhalten von Wildschweinen

Abb. 2: Schematische Darstellung der Mageninhaltsanalyse bei Wildschweinen und Rothirschen

Aus dem durchmischten Mageninhalt wurden 5 Teilproben entnommen, zur Stichprobe II vereinigt und gewogen (ca. 200 g). Das Material dieser Stichprobe wurde durch ein 1 mm Sieb gesiebt und kleine Partikel durch mehrminütiges Spülen mit Wasser entfernt. Der Rückstand wurde qualitativ und quantitativ analysiert. Das Filtrat wurde auf Borsten von Regenwürmern untersucht, nachdem ein weiteres Sieb (0,2 mm) dazwischen geschaltet wurde, um feine Bestandteile aus dem Filtrat zu entfernen.

Bestimmung der Nahrungsbestandteile

Pflanzen: Arttypische Epidermisstrukturen, besonders die Kutikula

Der Rückstand auf dem 1 mm Sieb besteht i.d.R. aus einem Gemisch von unterschiedlich stark zersetzten pflanzlichen und tierischen Fragmenten. Die Blattgewebe werden zwar durch die Magensäfte vorverdaut und in ihrer Struktur verändert, häufig bleiben aber die Epidermen erhalten, die sich durch die Größe und Anordnung verschiedener Zellarten, Härchen und Wachsschichten voneinander unterscheiden und dadurch pflanzenarttypisch sind (Abbildung 3). Insbesondere die Kutikula, die die Epidermis als geschlossene Außenwand überzieht, ist relativ resistent gegenüber Umwelteinflüssen. Sie besteht aus Kutin, einem hoch polymeren Ester, hauptsächlich aus gesättigten C15 Fett- und Oxyfettsäuren, die selbst durch konzentrierte Schwefelsäure nicht zerstört werden.

Epidermen von Pflanzen bei der Magenanalyse von Wildschweinen

Abb. 3: Schematische Darstellung von Epidermen der Blattunterseiten von Wiesen-Knäulgras, Rot-Klee und Heidelbeere (von links) mit unterschiedlichen Spaltöffnungen, aus FIELITZ und ALBERS (1996)

Die Bestimmung der Pflanzenfragmente erfolgte nach dem Bestimmungsschlüssel von ZETTEL (1985), eigenen Dauerpräparaten und mithilfe langjährig erworbener Kenntnisse im Umgang mit Nahrungsbestandteilen aus Mägen.

Tierische Nahrungsbestandteile

Nahrungsbestandteile tierischen Ursprungs wurden anhand charakteristischer Gewebestrukturen, wie z.B. Schuppen etc. identifiziert. Im Fall von Säugetieren wurden einzelne Grannenhaare zur Bestimmung herangezogen, da diese in der Regel artspezifische Strukturmerkmale bezüglich Kutikula, Medulla und Cortex aufweisen. Als Bestimmungsschlüssel wurde die Arbeit von DAY (1966) verwendet. Bei größeren zusammenhängenden Gewebepartien (z.B. Hase) wurde, abweichend von dem Stichprobeverfahren, das Frischgewicht direkt bestimmt und auf das Gewicht des Mageninhalts bezogen. Die Angaben beziehen sich auf das Frischgewicht (FS). Die Masse der Frischsubstanz eines Nahrungsbestandteils wurde als Anteil am gesamten Mageninhalt umgerechnet.

Bestimmung des Bodenanteils in Wildschweinmägen

A. Mineralboden: Der Bodenanteil wurde über den Skelettanteil ermittelt. Zur Bestimmung des Skelettanteils werden aus dem durchmischten Mageninhalt 5 Proben entnommen, zur Stichprobe I vereinigt und diese gewogen (ca. 300 g). Der darin enthaltene Skelettanteil wurde durch Dekantieren ermittelt und auf den Anteil im gesamten Mageninhalt umgerechnet. Der Anteil des Mineralbodens im Magen wurde aus dem Skelettanteil und dem Verhältnis Boden : Skelettanteil in Bodenproben aus dem Untersuchungsgebiet (in der Tiefe, in der Wildschweine wühlen) berechnet.

B. Organische Auflage: Ein Problem ist, dass in den Wildschweinmägen oberirdisch und unterirdisch wachsendes Pflanzenmaterial gleichzeitig mit abgestorbenen Pflanzenbestandteilen aus denselben Elementen im Auflagehumus vorhanden sein kann. Es existiert kein direktes Messverfahren um Bestandteile der Humusauflage, also die postmortale, organische Substanz, quantitativ zu bestimmen. Die Bestimmung über Titan ist nicht möglich, da sowohl grüne als auch abgestorbene Pflanzenbestandteile (Ol, Of) ähnlich hohe Titankonzentrationen aufweisen (THORNTON und ABRAHAMS, 1983). Daher wurde versucht, den Anteil über eine halb qualitative und halb quantitative Methode zu erfassen:

Zur Bestimmung wurde aus der Stichprobe II 5 mal ca. 1 g entnommen, zu der Stichprobe IV vereinigt und gewogen. Die Stichprobe wurde in eine Laborwanne mit Wasser gegeben, um die Einzelteile sichtbar zu machen. Die erkennbaren Pflanzenteile, wie Blattreste, Wurzeln, Pilze etc. wurden mit einer Pinzette entfernt. In der Laborwanne verblieb, je nach Mageninhalt, eine feine dunkle Suspension. Diese Lösung wurde mithilfe einer Wasserstrahlpumpe abgenutscht. Der auf dem Filter verbleibende Teil, Bestandteile der organischen Humusauflage bzw. der organische Anteil aus dem Ah-Horizont wurde ausgewogen und der Anteil am gesamten Mageninhalt berechnet.

Anzahl und zeitliche Verteilung und Gewichte der untersuchten Wildschweinmägen

Insgesamt wurden die Mägen von 102 Wildschweinen analysiert (Tabelle 1). Davon enthielten 32 Mägen jeweils mehr als 95% Bestandteile von Mais, Apfeltrester, Rüben oder Getreide. Offensichtlich stammten die Mägen von Tieren, die vor der Erlegung Nahrung an einer Fütterung aufgenommen hatten, und wurden deshalb nicht in die weitere Auswertung mit einbezogen. Die Mägen hatten ein mittleres Gewicht von 1.450 g (FS), bei einer Standardabweichung von 809 g, Minimum und Maximum lagen bei 395 g bzw. 4.170 g.

In den untersuchten Mägen wurden die verschiedenen Nahrungsbestandteile pflanzlicher und tierischer Herkunft, möglichst bis zur Art bestimmt. Um einen Überblick zu bekommen, wurden die Bestandteile in Nahrungsgruppen geordnet. Die Anteile einzelner Fruchtarten, wie z.B. Beeren von Heidelbeere oder Eberesche wurden unter dem Begriff „Früchte“ zusammengefasst, Vertreter der Süßgräser, Riedgräser und Binsengewächse bekamen den Oberbegriff „Gräser“.

Tab. 1: Zeitliche Verteilung der untersuchten Wildschweinmägen, 2002 – 2004

Anzahl und zeitliche Verteilung der untersuchten Wildschweinmägen

Das Nahrungsspektrum: Kategorisierung nach Nahrungsgruppen

In der Tabelle 2 ist die mittlere Nahrungszusammensetzung von 70 Wildschweinmägen, aufgeteilt nach Nahrungsgruppen angegeben. „Sonstiges“ und „tierische Bestandteile“ waren quantitativ mit 0,3% und 0,9% nicht von Bedeutung. Die Anteile aller folgenden Nahrungsgruppen sind so hoch, dass sie radioökologisch als relevant eingestuft werden müssen.

Tab. 2: Mittlerer Anteil von Nahrungsgruppen bezogen auf das Magenfrischgewicht, in 70 Wildschweinmägen, Mai 2002 – August 2004. (Quelle: Fielitz 2005)

Nahrungsgruppe Mittlerer Anteil am Magen FS [%] Häufigkeit in allen Mägen [%]
Sonstiges 0,3 32,9
Tierische Bestandteile 0,9 47,1
Pilze 7,6 82,9
Boden 11 90
Wurzeln 12,2 40
Kräuter/Sträucher/Bäume 13,4 52,9
Fütterung 17,1 70
Früchte 17,3 41,4
Gräser 20,2 78,6

 

Pilze“ waren mit 7,6% vertreten, gefolgt von „Boden“ mit 11,0% und „Wurzeln“ mit 12,2%. Blätter von Kräutern und Gräsern kamen mit 13,4% bzw. 20,2% vor, Früchte (17,3%) und Bestandteile aus Fütterungen (17,1%) waren etwa von gleicher Bedeutung.

Bei der Bewertung des quantitativen Anteils der einzelnen Nahrungsgruppen besteht auch bei Mageninhaltsanalysen von Wildschweinen das Problem der sehr ungleichen Verteilung in der Probengesamtheit. So enthielten zwar rund 47% aller Mägen tierische Bestandteile, meist aber nur in Spuren. In einem Magen wurden zum Beispiel Reste eines Hasen gefunden, der 12% des Mageninhalts ausmachte und den Mittelwert von allen Mägen entsprechend erhöht. Die Verteilung der einzelnen Nahrungsgruppen in den Wildschwein-mägen ist in der Abbildung 4 beispielhaft für Gräser, Boden, Früchte und Hirschtrüffeln dargestellt.

Gruppen von Nahrungsbestandteilen aus Analysen von Wildschweinmägen

Abb. 4: Absolute Häufigkeit der Anteile von Nahrungsgruppen am Magenfrischgewicht von 70 Wildschweinmägen, Klassenbreite 10%

Bei den 4 Nahrungsgruppen ist die Verteilung der Werte linksschief, in den meisten Mägen waren die Anteile der einzelnen Nahrungsgruppen am Magenfrischgewicht 0% – 10%. Zunehmend höhere Anteile wurden in immer weniger Mägen gefunden. Eine Aus-nahme waren Früchte, wovon in einigen Mägen mehr als 70% waren. Bei Gräsern sind die Werte, abgesehen von der Klassen 0% – 10%, am kontinuierlichsten verteilt. Die Verteilung bei Hirschtrüffeln und Boden ist ähnlich.

Nahrungsspektrum in zeitlicher Reihenfolge

Die Abbildung 5 zeigt die Nahrungszusammensetzung für jeden Magen, einzeln, nach Nahrungsgruppen und in zeitlicher Reihenfolge getrennt.

Änderung des Nahrungsspektrums von Wildschweinen im Jahresverlauf

Abb. 5: Änderung des Nahrungsspektrums von Wildschweinen im Zeitverlauf. Nahrungsgruppen in 70 Wildschweinmägen, in zeitlicher Reihenfolge

Die einzelnen Mageninhalte unterschieden sich in der Nahrungszusammensetzung qualitativ und quantitativ zum Teil erheblich. Deutlich werden trotzdem saisonale Trends: Im gesamten Untersuchungsgebiet kam es 2003 zu einer ausgeprägten Samenproduktion der Buchen. Durch diese Buchenmast änderte sich die Nahrungszusammensetzung in den Wildschweinmägen im Vergleich zu Vorjahr grundlegend. Bucheckern fanden sich bereits im September in den Mägen und dominierten als Nahrungsbestandteil bis zum Februar 2004. 7 von 9 Mägen aus diesem Zeitraum enthielten mehr als 90% Bucheckern. Mit dieser energiereichen Nahrung kann, wann kein Dauerfrost herrscht, eine Wildschweinpopulation gut über den Winter kommen im kommenden Frühjahr schnell wachsen. Die Entwicklung der Jagdstrecken belegen dies.

Besonders auffällig war, dass alle, von September 2003 bis Februar 2004 angelieferten Mägen keine Bestandteile aus Fütterungen enthielten. Die Wildschweine zogen die Bucheckern offensichtlich allem anderen vor, auch der Fütterung, was zur Folge hatte, dass weniger Tiere erlegt werden konnten: 2002 waren es 75 Wildschweine, 2003 nur 45.

Fütterung: Kirrungen von besonderer Bedeutung

Die besondere Bedeutung der aus Fütterungen aufgenommenen Nahrung zeigt sich daran, dass in 38,5% der untersuchten Mägen mehr als 20% Fütterungsbestandteile enthalten waren. Dazu kommen noch die 32 Mägen, die nicht berücksichtigt wurden, weil der Inhalt über 95% Fütterungsbestandteile enthielt. Es ist sehr schwer, Wildschweine ohne Ablenkfütterung oder Kirrung zu erlegen. Die untersuchten Tiere wurden zudem auf besondere Anweisung hin erlegt. In den Tabellen 3 und 4 sind in der zweiten Spalte von links die mittleren Anteile der Nahrungsgruppen in allen 70 Mageninhalten, aufgeschlüsselt nach Arten (soweit das möglich war) und bezogen auf Frischsubstanz angegeben.

Tab. 3: Mittlerer Anteil einzelner Nahrungsgruppen bezogen auf das Magenfrischgewicht und Häufigkeit des Vorkommens in 70 Wildschweinmägen, Mai 2002 – August 2004

Nahrungsgruppe/Arten Mittlerer Anteil am Magen FS [%] Häufigkeit in allen Mägen [%]
Sonstiges 0,3* 32,9
Moose 0,1 17,1
Knospenschuppen 0,1 15,7
Fichtennadeln/Blätter 0,2 34,3
Tierische Bestandteile 0,9 47,1
Nacktschnecken 0,1 15,7
Schnaken-Larven, andere Larven 0,2 28,6
Vögel 0,2 8,6
Hasen 0,2 2,9
Mäuse 0,2 18,6
Pilze 7,6 82,9
oberirdisch fruktifizierend Sonstige Zweifarbiger Streifling, Mohrenkopf 0,1 1,4
Milder Wachstäubling 0,1 4,3
Sternsporige Laubtrüffel 0,2 4,3
Milchlinge spec. 0,2 4,3
Grauer Streifling 1,5 12,9
Hirschtrüffel 5,5 81,4
Boden 11 90
Humus 10,8 88,6
Mineralboden 0,2 28,6
Wurzeln 12,2 40
Farn spec. 0,4 1,4
Weidenröschen spec. 0,4 2,9
Sumpfschachtelhalm 0,6 1,4
Pestwurz 0,6 2,9
Pfennigkraut 1,1 3
Feinwurzeln unbestimmt 1,9 5,7
Wald-Engelwurz 2,5 4,3
Gräser 4,7 21,4

Wurzeln und Pflanzenteile

Nicht näher bestimmt werden konnten Feinwurzeln, die als Gruppe „Feinwurzeln unbestimmt“ angegeben wurden. Ebenso konnten die Wurzeln von verschiedenen Süßgräsern nicht bis zur Art bestimmt werden und wurden unter „Wurzeln Süßgräser“ zusammengefasst.

Bei Weidenröschen wurde sowohl das Wald-Weidenröschen (Epilobium angustifolium) als auch das Berg-Weidenröschen (Epilobium montanum) in den Mägen gefunden und der Übersichtlichkeit halber zu „Weidenröschen“ zusammengefasst. Mit dem Zusatz spec. für Spezies wurden die Gruppen bezeichnet, die nicht bis zur Art bestimmt werden konnten. In den Mägen lässt sich quantitativ nur die derbe Rinde der Hirschtrüffel bestimmen, da sich die pulverige Sporenmasse im Magenbrei verliert und mit dem Auge nicht zu erkennen ist. Um den gesamten Trüffelanteil im Magen erfassen zu können, wurde aus dem Gewichts-verhältnis Rinde:Sporenmasse (2,2 : 1, n= 21) auf die Gesamtmasse Trüffel im Mageninhalt umgerechnet. Bei der Gruppe „Pilze“ wurden unter dem Gattungsnamen Milchlinge (Lactarius) alle Vertreter dieser Gruppe zusammengefasst, die nicht näher bestimmt werden konnten.

Tab. 4: Mittlerer Anteil einzelner Nahrungsgruppen bezogen auf das Magenfrischgewicht und Häufigkeit des Vorkommens in 70 Wildschweinmägen, Mai 2002 – August 2004

Nahrungsgruppe/Arten Mittlerer Anteil am Magen FS [%] Häufigkeit in allen Mägen [%]
Kräuter/Sträucher/Bäume 11,6 52,9
Hasenlattich 0,1 1,4
Sumpfschachtelhalm 0,1 1,4
Brombeere 0,1 5,7
Klee 0,1 4,3
Weisse Pestwurz 0,2 8,6
Eberesche 0,4 2,9
Walderdbeere 0,4 8,6
Wald-Engelwurz 0,6 7,1
Storchschnabel spec. 0,9 8,6
Himbeere 1 10
Pfennigkraut 1,6 30
Heidelbeere 1,7 27,1
Weidenröschen spec. 4,4 45,7
Fütterung 17,1 79
Getreide 0,3 4,3
Rübenschnitzel 1,5 11,4
Apfel-/trester 2,8 32,9
Mais 12,6 64,3
Früchte 17,3 41,4
Eberesche 0,9 5,7
Heidelbeeren 2,5 11,4
Bucheckern 13,9 31,4
Gräser 20,2 78,6
Weiches Honiggras 0,3 2,9
Rohr-Glanzgras 0,5 4,3
Lieschgras 0,6 7,1
Land-Reitgras 0,7 4,3
Gemeines Rispengras 1,3 11,4
Seegras 1,5 11,4
Einjähriges Rispengras 2,1 15,7
Deutsches Weidelgras 2,3 18,6
Flutender Schwaden 2,5 11,4
Wald-Hainsimse 2,6 15,7
Wiesen-Knäulgras 2,6 17,1
Wolliges Reitgras 3,2 18,6

Tierische Bestandteile

Bei „tierische Bestandteile“ handelte es sich um Larven bzw. Puppen verschiedener Insekten. Insbesondere Schnakenlarven kamen in rund 29% aller Mägen vor und wurden offenbar gezielt gesucht, denn mehrere Mägen enthielten 30 bis 50 Larven. Bei einigen Insekten dürfte es sich um zufällig gefundene Nahrung handeln. Quantitativ spielten animalische Bestandteile am Nahrungsspektrum der Wildschweine keine Rolle. Vereinzelt wurden Erdmäuse, in 5 Fällen auch Reste von Vögeln nachgewiesen. In 3 Mägen wurden Knochenteile von größeren Säugetieren gefunden, allerdings ohne begleitende Gewe-bereste, sodass eine Artbestimmung nicht möglich war.

Pilze

Pilze wurden in 82,9% der Mägen gefunden, Hirschtrüffeln in 81,4%. Mengenmäßig waren nur Hirschtrüffeln mit 5,5% und der oberirdisch fruktifizierende Pilz Grauer Streifling (Amanita vaginata) mit 1,5% von Bedeutung. Eine weitere unterirdisch fruktifizierende Pilzart, die Sternsporige Laubtrüffel (Octavianina asterosperma) war mit 0,2% Anteil eher unbedeutend und wurde nur in 2 Mägen nachgewiesen. Diese Trüffel, deren Vorkommen sich, im Gegensatz zur Hirschtrüffel, auf Laubwälder beschränkt, ist im Untersuchungsgebiet selten, zumindest konnten bisher keine Fruchtkörper gefunden werden. Ansonsten wurden in den Mägen noch die oberirdisch wachsenden Fruchtkörper von Zweifarbiger Streifling, Hallimasch, Marone, Mohrenkopf, Pfifferling, Steinpilz und Zigeunerpilz, mit Anteilen von >0,01% nachgewiesen. Die Summe dieser Anteile ist in der Tabelle 3 unter „Pilze – oberirdisch fruktifizierende Sonstige“ angegeben.

Bei der Aufnahme von unterirdisch vorkommenden Nahrungsbestandteilen wurde regelmäßig mehr oder weniger viel Boden mit aufgenommen, denn alle Mageninhalte mit einem hohen Anteil Wurzeln und/oder Hirschtrüffeln enthielten auch relativ viel Boden. Nur 10% der untersuchten Mägen enthielten keinen Boden. Der Anteil „Boden“ betrug durchschnittlich 11%, wobei es sich überwiegend um Bestandteile aus organischen Horizonten handelte, die 98% des Anteils ausmachten. Der organische Anteil des Ah-Horizonts wurde mit zum organischen Horizont gezählt, da unter „Mineralboden“ ausschließlich der mineralische Skelettanteil erfasst wurde.

Wurzeln waren mengenmäßig nur bei den Mägen, die von Mai 2002 bis Januar 2003 stammten von Bedeutung. Durchschnittlich kamen sie in 12,2% aller Mägen vor, wobei die Wurzeln der Gräser mit 4,7% den größten Anteil stellten. Alle Mägen, die nach dem Februar 2003 eingeliefert wurden, enthielten nur wenig Wurzeln.

Kräuter

Bei der Gruppe „Kräuter“ dominierte mit Abstand das Weidenröschen und stellte mit 4,4% Anteil mehr als die Hälfte der Blätter von Kräutern. Der Anteil „Früchte“ mit 17,3% ergibt sich insbesondere durch die Buchenmast im Herbst 2003, vor dieser betrug der Anteil „Früchte“ lediglich 5,8% und setzte sich insbesondere aus Heidelbeeren und Beeren der Eberesche zusammen. Gräser waren mit 20,2% Anteil und einer Häufigkeit des Vorkommens von 78,6% die bedeutendste Nahrungsgruppe.

Nur wenige Studien zur Ernährung von Wildschweinen in Deutschland

Während es weltweit viele Studien zur Nahrungswahl von Wildschweinen gibt (z.B. SCOTT und PELTON, 1975), ist das Angebot an relevanten Arbeiten aus Deutschland eher begrenzt. Dass Wildschweine Trüffeln verzehren, wird bereits von HARTIG (1832) berichtet. EISFELD und HAHN (1998) untersuchten 1995-1997 in Baden-Württemberg 430 Mägen von Wildschweinen. Die Bestimmung der Nahrungsbestandteile erfolgte nach einem Stichprobenentnahmeverfahren mit anschließender Artbestimmung, wobei die quantitative Erfassung auf der Basis einer Schätzung des Volumenanteils der einzelnen Nahrungskomponenten, unter dem Binokular, beruhte. Durchschnittlich enthielten die Mägen mehr als 95% pflanzliche Nahrung. Es dominierten

Nahrungskomponenten von Fütterungen mit 37%, gefolgt von 19% Kastanien und Bucheckern (Mast), Gräsern und Kräutern 17%, Getreide aus der Feldflur 7% Wurzeln 5%, tierische Bestandteile 4% und Pilze <1%. Zu Pilzen wird von den Autoren vermerkt, dass in einigen Naturräumen des Schwarzwaldes, in den Wildschweinmägen aus dem Juli, Pilze mit Anteilen von 13% und 15% nachweisbar waren.

Ernährung im Pfälzer-Wald

HOHMANN und HUCKSCHLAG (2004) führten Analysen an 706 Mägen durch, um die Ursachen für eine erhöhte 137Cs Kontamination von Wildschweinen im Pfälzer Wald zu untersuchen. Die Inhalte von 668 Mägen wurden den Gruppen „Grüner Nahrungsbrei“, „Sonstiges“, „Fütterung“ und „Braun-schwarzer, körniger Brei“ zugeordnet. Von der Gesamtstichprobe wurden 38 Mägen (20 mit relativ hohem 137Cs Gehalt des Mageninhalts und 18 mit geringer Kontamination) genauer untersucht. Die Ergebnisse für die „maximal belasteten“ Mageninhalte sind in der Abbildung 6 dargestellt.

Nahrungsspektrum von Wildschweinen aus dem Pfälzer-Wald

Abb. 6: Gewichtsanteile von Nahrungsfraktionen in höher mit 137Cs kontaminierten Mageninhalten von Wildschweinen aus dem westlichen Pfälzer Wald, im Sommerhalbjahr 2002, verändert nach HOHMANN und HUCKSCHLAG (2004)

Die Methodik entsprach weit gehend der im vorliegenden Forschungsvorhaben, da diesbezüglich eine Absprache erfolgte. Allerdings wurden die 38 Mägen nur auf die Nahrungsgruppen: Hirschtrüffeln, Grüne Pflanzen, Sonstiges, Wurzeln, Mais/Getreide, Tierisches Material und Baumfrüchte analysiert und nicht bis auf das Artniveau bestimmt. In dem untersuchten Siebrückstand (2mm Sieb) der 20 „maximal belasteten“ Mageninhalte hatten Hirschtrüffeln einen Gewichtsanteil von 18%, in den gering belasteten Mageninhalten 2%.

Ergebnisse aus der DDR

BRIEDERMANN (1976) untersuchte 665 Wildschweinmägen, die aus verschiedenen Wildforschungsgebieten der ehemaligen DDR, von 1963-1966 stammten. Es handelte sich um Gebiete, die neben Wäldern auch landwirtschaftlich genutzte Flächen einschlossen. Der Mageninhalt wurde nach groben Bestandteilen getrennt, die dann bis zur Art bestimmt und als Anteil am Mageninhalt geschätzt wurden. Briedermann hält es für angebracht, die Ergebnisse nach Mastjahren und Jahren ohne Mast zu trennen.

In Mastjahren stellten Eicheln und Bucheckern nahezu 50% der Ernährung im Jahresdurchschnitt. Etwa 30% Anteil hatten landwirtschaftliche Produkte, insbesondere Kartoffeln und Getreide. Die oberirdische, vegetative, pflanzliche Nahrung spielte mit durchschnittlich 5%, genau wie die unterirdische pflanzliche Nahrung mit 2%, kaum eine Rolle. Die tierischen Nahrungsbestandteile beliefen sich auf 4%. Er beschreibt, dass die Wildschweine in Mastjahren ihre Nahrung nahezu vollständig auf diese Nahrung umstellen, was für den Zeitraum von Oktober bis Februar gilt.

In Jahren ohne Mast stellten landwirtschaftliche Produkte 80-90% der Nahrungsmenge. Unterirdisch wachsende Nahrung belief sich auf 7%, sonstige grüne Pflanzenteile auf 10%. Pilze kamen in 33 Mägen (5%) vor, davon enthielten 30 Mägen Hirschtrüffeln. Insgesamt machten Pilze weniger als 0,1% der gesamten Mageninhaltsmenge aus. Hirschtrüffeln wurden in 4 Mägen mit 50g, 50g, 140g und 180g Masse gefunden. Briedermann ermittelte 44 Pflanzen- und 80 Tierarten bzw. Artengruppen in den Mägen.

Fazit

Aus den Ergebnissen verschiedener Studien zur Nahrungswahl von Wildschweinen in Deutschland können folgende Schlüsse gezogen werden:

1.   Haben Wildschweine Zugang zu landwirtschaftlichen Nutzflächen, sind Feldfrüchte die Hauptnahrungskomponenten, bei entsprechender Verfügbarkeit.

2.   Wildschweine sind Allesfresser, mit einem hohen Anpassungspotenzial an das sowohl lokal als auch jahreszeitlich variierende Nahrungsangebot. In Mastjahren von Ess-kastanien, Eicheln oder Bucheckern werden von Beginn des Samenfalls bis in das folgende Frühjahr hinein überwiegend diese Früchte verzehrt.

3.    Futter von Fütterungen (Ablenk- oder Anlockfütterung) stellen bundesweit für Wildschweine eine bedeutende Nahrungskomponente dar.

4.   Mageninhalte von Wildschweinen aus Waldgebieten ohne Zugang zu Fütterungen enthalten häufig einen mehr oder weniger hohen Anteil an Pilzen und Boden.

5.   Ergebnisse von Mageninhaltsuntersuchungen an Wildscheinen hängen auch von der Fragestellung ab. Wenn ein Nahrungsbestandteil, der quantitativ schwer zu bestimmen ist, aufgrund der Fragestellung besondere Beachtung findet, wie z.B. bei Hirsch-trüffeln, wird ein höherer Anteil ermittelt.

Quantitative Angaben zum Vorkommen von Boden in Wildschweinmägen fehlen bislang. Die vorliegende Untersuchung zeigt, dass in Wildschweinmägen aus dem Untersuchungsgebiet der Anteil von durchschnittlich 11% beachtlich ist.

 

Die Arbeiten zu den Mageninhaltsanalysen wurden mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit finanziert. Der Text gibt die Auffassung und Meinung des Auftragnehmers wieder und muss nicht mit der des Bundesumweltministeriums übereinstimmen.

Literatur

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Day M.G.; 1966: Identification of hair and feather remains in the gut and feaces of stoats and weasels. J. Zool.. 148:201-217.

Elliger, A., Linderoth, P., Pegel, M., Seitler, S. 2001: Ergebnisse einer landesweiten Befragung zur Schwarzwildbewirtschaftung. WFS-Mitteilungen: Nr. 4/2001: 1-4.

Eisfeld D, Hahn N.; 1998: Raumnutzung und Ernährungsbasis von Schwarzwild. Abschlussbericht. Arbeitsbereich Wildökologie und Jagdwirtschaft, Forstzoologisches Institut, Universität Freiburg. 61 S. Text hier

Fielitz U., 2005: Untersuchungen zum Verhalten von Radiocäsium in Wildschweinen und anderen Biomedien des Waldes

Fielitz U., Albers U.; 1996: Nahrungsspektrum von Rehen aus dem Bayerischen Wald. Z. Jagdwiss. 42:195-202.

Hartig G.L.; 1832: Lehrbuch für Jäger. Stuttgart.

Hohmann U., Huckschlag D.; 2004: Grenzwertüberschreitende Radiocäsiumkontamination von Wildschweinfleisch in Rheinland-Pfalz. Forschungsbericht. Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft Rheinland Pfalz.

Linderoth, P., Pegel, M., Elliger, A., Liebl, S., Seitler, S. 2010: Schwarzwildprojekt Böblingen. Wildforschung in Baden-Württemberg 8: 159 S.

Scott C. D., Pelton M. R.; 1975: Seasonal food habits of the European wild hog in the Great Smoky Mountains National Park. Proceedings of the Southeastern Association of Game and Fish Commissioners. 29: 585-593.

Thornton I., Abrahams P.; 1983: Soil ingestion – A major pathway of heavy metals into livestock grazing contaminated land. The Science of the Total Environment. 28:287-294. Abstract

Zettel J.; 1974: Mikroskopische Epidermiskennzeichen von Pflanzen als Bestimmungshilfen. Mikrokosmos 63 (4):106-111; (5):136-140; (6):177-181; (7):201-206.