Radioaktivität in Wildschweinen – Entwicklung von 1986 – 2018

Die Auswirkungen des Tschernobyl Unglücks sind nach mehr als 30 Jahren in Deutschland begrenzt. Den Behörden bereitet aber regional noch die Radioaktivität in Wildschweinen und einigen Pilzarten Sorgen. Strahlenbiologisch ist heute nur noch das Cäsium-137 relevant. Nahrungsmittel von landwirtschaftlichen Flächen weisen weitestgehend Radiocäsium Aktivitäten auf, die auch vor dem Reaktorunfall gemessen wurden. Doch aufgrund von besonderen Transfervorgängen in Waldökosystemen kommt es hier in einigen Biomedien zu erhöhten Cäsium-137 Kontaminationen. Hirschtrüffel reichern das Nuklid in besonderem Maße an. Und da Wildschweine diese Trüffelart ausgesprochen gern fressen, führt das zu einer erhöhten Cäsium-137 Belastung des Muskelfleisches. Da Schwarzwild aber Hirschtrüffel ganzjährig nicht in gleichen Mengen oder auch streckenweise gar nicht aufnimmt und die Trüffel auch saisonal unterschiedlich fruktifizieren, ist das Ganze sehr dynamisch.

Wie kommt das Radiocäsium ins Wildschwein?

Wildschweine nehmen Radiocäsium überwiegend über die Nahrung auf (Ingestition). Andere Einträge, wie die Resorption über die Haut, oder per Inhalation über die Atemwege sind mehr als 3 Jahrzehnte nach dem Reaktorunfall in Deutschland nicht von Bedeutung.

Der Cäsium-137 Stoffwechsel im Wildschwein

Abb. 1: Schematische Darstellung des Cäsium-137 Stoffwechsels im Wildschwein

Die Radiocäsium Kontamination im Wildschweinfleisch, dem Kompartiment in dem sich das Nuklid überwiegend anreichert ist zeitlich sehr dynamisch. Der Aktivitätsspiegel kann sich in Abhängigkeit der Cs-137 Zufuhr über die Nahrung schnell erhöhen, aber auch schnell wieder verringern. Das Nuklid wird im Magendarmtrakt nahezu vollständig resorbiert und über das Blut im Körper verteilt, allerdings auch wieder über Kot und Urin ausgeschieden. Die biologische Halbwertszeit beträgt nur etwas 20 Tage.

Das bedeutet beispielsweise:

  • Bei gleichbleibender Cäsium-137 Zufuhr über die Nahrung, stellt sich nach ca. 3 Wochen im Körper ein Geleichgewichtszustand ein. Die Kontamination im Wildschweinkörper bleibt konstant.
  • Wird über die Nahrung kein Cäsium-137 mehr aufgenommen, so halbiert sich die Kontamination innerhalb von ca. 3 Wochen. Nach 6 Wochen wäre dann die Radiocäsiumkontamination auf 1/4 der ursprünglichen Kontamination zurückgegangen.

Die Dynamik im Stoffwechsel wird auch an Messungen von Kot von Wildschweinen deutlich. In 2004  enthielten 2 Kotproben  5.363 Bq Cs-137/kg bzw. 9.447 Bq Cs-137/kg. Die Proben stammten von Wildschweinen, die in einem durch den Tschernobyl-Fallout besonders betroffenen Gebiet im Bayerischen Wald lebten.

Strahlenbelastung von Wildschweinen: Messwerte aus Deutschland

In den Monaten nach der Deposition von Radiocäsium durch den Tschernobyl-Fallout wurden in in Deutschland in Wildschweinfleisch Werte von wenigen Becquerel pro Kilogramm bis zu einigen tausend Becquerel pro Kilogramm gemessen.
2018 ist die Spannweite der Kontamination bei Wildschweinen noch genauso groß.
Dabei ist ein Phänomen von besonderer Bedeutung: Die großen Unterschiede in der Strahlenbelastung von Wildschweinen treten nicht nur zwischen verschiedenen Regionen in Deutschland auf, sondern auch in den durch den Tschernobyl-Fallout höher kontaminieren Gebieten.
So ist es beispielsweise möglich, auch 2018 Proben von Wildschweinen aus demselben Jagdrevier zeitgleich unter 100 Bq/kg aber auch von mehreren tausend Bq/kg enthalten. Zusätzlich können auch saisonal große Schwanken bei der Kontamination in einem Gebiet auftreten.

Radioaktivitätsmessungen am Labor für Radioisotope der Universität Göttingen

Der Autor ist seit April 1986 für Untersuchungen zur radioaktiven Kontamination von Wildtieren in verschiedenen Funktionen verantwortlich. Wenn nicht anders kenntlich gemacht, erfolgten alle Messungen auf Radioaktivität am Labor für Radioisotope der Universität Göttingen. Das LARI hat eine nicht nuklidspezifische Umgangsgenehmigung und kann daher radioaktive Stoffe innerhalb der Grenzwerte der Aktivitätsklasse SK2 messen.

Cäsium-137 Messwerte von Wildschweinen 1986 und 1987

In der folgenden Tabelle sind Messwerte der Radiocäsium Aktivität von Wildschweinen aus den Jahren 1986 bis 1987 angegeben. Die Daten wurden am ehemaligen Institut für Wildbiologie und Jagdkunde an der Universität Göttingen erhoben. Die Messungen erfolgten am ehemaligen Isotopenlabor der Universität Göttingen (heute Labor für Radioisotope).

Erlegungsdatum Erlegungsort Cs-134 Cs-137
[Bq/kg FS] [Bq/kg FS]
04.06.1986 Hannoversch Münden 56 120
07.06.1986 Fintel 42 84
12.06.1986 Hammelburg 12 25
18.06.1986 Nörten Hardenberg 61 131
22.06.1986 Prezelle 249 526
25.06.1986 Wriedel 23 65
29.06.1986 Gleichen 15 29
01.07.1986 Bad Lauterberg 179 381
02.07.1986 Hannoversch Münden 100 194
02.07.1986 Hannoversch Münden 86 188
03.07.1986 Weil 42 83
08.07.1986 Gleichen 35 66
09.07.1986 Hannoversch Münden 49 103
09.07.1986 Hannoversch Münden 55 103
11.07.1986 Hannoversch Münden 100 194
12.07.1986 Bad Soden-Allendorf 25 44
14.07.1986 Rosdorf 64 134
14.07.1986 Hofgeismar 112 237
14.07.1986 Detmold 116 237
16.07.1986 Hannoversch Münden 116 189
16.07.1986 Hannoversch Münden 116 189
21.07.1986 Bühren 31 52
06.08.1986 Kehlheim 19 79
14.09.1986 Saumslek 30 64
20.09.1986 Gleichen 12 26
23.09.1986 Bargteheide 6 14
24.09.1986 Hardegsen 17 55
27.10.1986 Einbeck 29 64
16.11.1986 Reinhardshagen 90 216
16.11.1986 Reinhardshagen 92 237
16.11.1986 Reinhardshagen 91 221
16.11.1986 Reinhardshagen 142 343
16.11.1986 Reinhardshagen 89 225
16.11.1986 Reinhardshagen 103 271
14.12.1986 Nörten Hardenberg 5 10
15.12.1986 Springe 29 69
15.12.1986 Springe 16 41
15.12.1986 Springe 34 77
15.12.1986 Springe 42 104
15.12.1986 Springe 28 77
15.12.1986 Springe 16 37
15.12.1986 Springe 28 70
15.12.1986 Springe 19 44
15.12.1986 Springe 15 32
27.01.1987 Dassel 58 154
27.01.1987 Dassel 42 99
22.06.1987 Friedland 4 18
24.06.1987 Rosdorf 26 59
24.06.1987 Rosdorf 15 29
17.08.1987 Bodenmais 1.062 3.619
26.08.1987 Gleichen 0 10
01.10.1987 Bodenmais 925 3.020
04.10.1987 Bodenmais 982 4.602
08.10.1987 Bodenmais 839 2.699
31.10.1987 Kelheim 4 22
22.11.1987 Bodenmais 1.455 5.425
03.12.1987 Gartow 17 56
10.12.1987 Kassel 13 58
11.12.1987 Bodenmais 278 973
06.01.1988 Gartow 12 43
11.02.1988 Gartow 8 29
23.03.1988 Gartow 1 6
06.07.1988 Bodenmais 590 2.284
15.07.1988 Bodenmais 408 1.668
29.07.1988 Fuhrberg 5 26
21.08.1988 Fuhrberg 4 27
26.08.1988 Fuhrberg 2 8
29.08.1988 Fuhrberg 8 40
28.09.1988 Fuhrberg 24 118
28.09.1988 Fuhrberg 7 33
11.10.1988 Fuhrberg 16 85
26.10.1988 Fuhrberg 11 53
30.10.1988 Fuhrberg 6 33
08.11.1988 Bodenmais 306 1.306
18.11.1988 Fuhrberg 25 134
19.11.1988 Bodenmais 143 653
21.11.1988 Fuhrberg 5 22
22.11.1988 Fuhrberg 6 34
22.11.1988 Fuhrberg 4 21
22.11.1988 Fuhrberg 9 53
23.11.1988 Fuhrberg 5 22
23.11.1988 Fuhrberg 5 26
30.01.1989 Fuhrberg 26 138
30.01.1989 Fuhrberg 5 29
30.01.1989 Fuhrberg 5 30
09.05.1989 Bodenmais 6 30
09.05.1989 Bodenmais 6 32
18.05.1989 Bodenmais 470 2.433
31.05.1989 Bodenmais 316 1.762
16.07.1989 Bodenmais 410 2.046
31.10.1989 Bodenmais 781 4.991
07.12.1989 Bodenmais 384 2.469
07.12.1989 Bodenmais 251 1.762

 

Messwerte 2018

Die Messungen von Wildschweinfleisch

Radioökologisches Modell zur Prognose der Radioaktivität von Wildschweinen

Um die relativ hohe Kontamination numerisch zu erklären und zukünftige Kontaminationen vorherzusagen, wurde ein radioökologisches Modell entwickelt. Dieses Modell sollte in der Lage sein, die experimentellen Daten von Nahrungsaufnahme und radioaktiver Kontaminationen, die in der Vergangenheit erfasst wurden, zu berücksichtigen.
Das entwickelte radioökologische Modell basiert zum Teil auf dem ECOSYS-Modell (Müller und Pröhl, 1993). Es beschreibt Prozesse der Migration von Radiocäsium im Boden, die Wurzelaufnahme von Radiocäsium durch Pflanzen, die als Nahrung für Wildschweine dienen und den Transfer des Nuklids in das Tier.
Da es bekannt ist, dass die vertikale Migration von Cäsium-137 im Boden wichtig für die Kontamination von Pilzen ist(Steiner et al., 1999), wurde als Bodenmodell ist ein Mehrschichtmodell verwendete. Die starke Variation der gemessenen Aktivitätskonzentrationen von Wildschweinen wird mithilfe von Monte-Carlo-Methoden modelliert, mit denen die Variation der Modellparameter simuliert werden kann.

Literatur

Fielitz 2005: Untersuchungen zum Verhalten von Radiocäsium in Wildschweinen und anderen Biomedien des Waldes

Fielitz 1996: Radiocäsium in Wildtieren nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl

Tataruch F., Schönhofer F., Onderscheka K., 1988: Untersuchungen zur radioaktiven Belastung der Wildtiere in Österreich